Kampfradler – ein Rant.

Ja – der Titel ist bewusst gewählt! Und ja, ich weiß auch, dass diese Bezeichnung zu einem extrem emotional aufgeladenen Politikum geworden ist. Eigentlich wollte ich schon seit einigen Tagen zum Thema Radfahrer auf den Straßen bloggen – gestern wurde aber der finale Ausschlag gegeben.

Ort: Berlin-Treptow, eine große Kreuzung in der Nähe des Park-Centers. Dichter Feierabendverkehr. Ein älterer Radfahrer ohne Helm heizt voll Karacho über die rote Ampel in den Kreuzungsbereich. Ein abbiegender Autofahrer kann nur mit einer Vollbremsung einen schweren Zusammenstoß verhindern, erfasst den Radler jedoch leicht. Der Mann rappelt sich auf, schlägt wutentbrannt auf das Auto, belegt dessen Fahrer mit einer heftigen Schimpfkanonade – und macht sich aus dem Staub. Zusätzlich zum Schock darf sich der Autofahrer noch eine kräftige Standpauke der hinzugerufenen Polizeistreife anhören: Er hätte sich gefälligst umsichtiger verhalten und den Kreuzungsbereich besser beobachten sollen. Ein Auto sei zudem ja stärker als ein Fahrrad. Und er könne von Glück reden, wenn der Radler keine Anzeige stelle.

Ein Einzelfall? Leider nicht – zumindest nicht hier in Berlin. In den 20 Monaten, in denen ich hier lebe und auch Auto fahre, gehören rücksichtslose Radfahrer leider zum alltäglichen Straßenbild. Nachts ohne Licht. In Schlangenlinien mitten auf der Straße. Über rote Ampeln. Verkehrsgefährdendes Überholen. Und ohne Helm sowieso. Die Polizei scheint indes schon längst kapituliert zu haben. Das bizarre Bild der Döner-essenden Polizisten in ihrem Streifenwagen, während vor ihrer Nase mehrere Radfahrer dreist und unbehelligt über die rote Ampel fuhren, werde ich so schnell nicht vergessen. Ganz polemisch gesagt: Berlin könnte seine Haushaltsschulden vermutlich locker bezahlen, wenn man mal 3 Monate lang jeden Tag Fahrradkontrollen in der Friedrichstraße machen würde. Dort hätte ich mit etwas weniger Gutmütigkeit schon den ein oder anderen Radfahrer auf der Motorhaube haben können.

Und so selten ich mit Verkehrsminister Ramsauer auf einer Linie bin – in diesem Punkt hat er leider Recht. Wir haben in Großstädten ein Problem mit aggressiven und rücksichtslosen Radfahrern. Und sie werden von der geltenden Gesetzeslage sogar noch geschützt, da im Falle eines Unfalls mit einem Kfz der Autofahrer mindestens Teil- wenn nicht gar Vollschuld bekommt. Das Prinzip vom Schutz des Schwächeren wird inzwischen leider allzuoft als Freifahrtschein zur Narrenfreiheit im Straßenverkehr genutzt. Eine Überarbeitung halte ich für dringend notwendig! Fahrradfahrer sind ebenso Teil des Straßenverkehrs und haben sich an die selben Regeln zu halten – mit den selben Konsequenzen.

Ja, es ist wahr: Die Situation, was Radwege betrifft, ist extrem suboptimal. Auch in Berlin. Und auch das gehört dringend verbessert. Jedoch ist das kein Grund, für verkehrsgefährdendes Verhalten mit dem Argument, man müsse sich im Autoverkehr als Radfahrer behaupten. Wahr ist auch, dass es viele Radfahrer gibt, die sich an die Verkehrsregeln halten. Vermutlich weit mehr als die Hälfte. Und dennoch zu wenig. Entsprechende Radverbände täten gut daran, sich dem Problem anzunehmen, anstatt erzürnt dessen Existenz zu bestreiten und Verkehrsteilnehmer, die dieses Phänomen täglich beobachten, als notorische Lügner abzutun. Schließlich – und das sollten auch die Radfahrer nicht vergessen – ist es auch ihr Leben. Ich bin sehr für gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr – von Autofahrern wie von Radlern!  Kriegen wir das vielleicht ALLE hin?

 

Update:

Mir stellt sich noch folgende Frage: Jeder Autofahrer muss seine Fähigkeit zur Teilnahme am Straßenverkehr, die Kenntnis der Regeln und die psychische Fähigkeit nachweisen. Warum gilt das für Radfahrer, de genauso am Straßenverkehr telnehmen nicht? Mofa-Fahrer müssen es auch – diese unterscheiden sich nur durch das Vorhandensein eines Motors von Radfahrern…. die Geschwindigkeit ist gleich. Stelle ich mal so zur Diskussion.

Update 2:

Gerade erst von einem Leser darauf aufmerksam gemacht worden… in diesem Fall gab es ja auch noch eine Unfallflucht seitens des Radfahrers. Wurde irgendwie da auch komplett unter den Tisch gekehrt… bzw. gar nicht erst erwähnt. Hatte ich bis eben auch nicht wirklich daran gedacht. Ist aber korrekt.

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7 thoughts on “Kampfradler – ein Rant.

  1. Wolfgang Fleckenstein

    Sehr korrekt verfasster Kommentar!(zu korrekt, nachsichtig). Ich hätte das noch viel drastischer dargestellt, wie ich das schon in Berlin erlebt habe! (aber es ist ja alles gesagt worden). An Die Stadt Berlin: “Berlin könnte schuldenfrei sein, wenn die Stadt Berlin alle diese Radfahrer- Rowdys zu saftigen Geldstrafen heranziehen würde!” Außerdem würde der Verkehr sicherer werden, auch für die Radfahrer!!! Radfahrer sind genauso Teilnehmer im Straßenverkehr und nicht Begünstigte! Auch diese Fahrer müßen umsichtig und rücksichtsvoll und vorrausschauend fahren und nicht rasen.(schon gar nicht an großen Verkehrskreuzungen mit viel Verkehr). Es grüßt ein Stuttgarter mit Berlinerfahrungen.

  2. So wie Du es schilderst, kamen ja beide auch der gleichen Richtung, oder nicht? Und wieso hatte dann der Radler rot, wenn der Abbiegende scheinbar grün hatte?

    So wirklich durchsichtig ist Deine Schilderung jetzt nicht.

  3. Flecky

    Nein, der Abbiegende kam aus der Gegenrichtung.

  4. Die Info, dass es sich um einen dämlichen Geisterradler handelt, wäre eindeutig wichtiger gewesen als das nichtssagende “ohne Helm”. 🙂

  5. Großartig geschrieben. Nach zwei Kollisionen als Fußgänger mit Radfahrern (1x an der grünen Fußgängerampel und 1x auf dem Gehweg) bringe ich meinem Kind jetzt bei, dass die Regeln, die ich ihm beibringe, für alle Verkehrsteilnehmer außer den Radfahrern gelten und dass das Kind für diese mitdenken muss. Sonst sehe ich es irgendwann in der Unfallchirurgie liegen.

    So ist das hier. Berlin eben. Ellenbogen ahoi.

  6. Dieter

    Bleibt nur zu hoffen, dass irgendwann Kennzeichen- und Versicherungspflicht für Fahrräder eingeführt wird. Aber ich glaube nicht daran 🙁

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