Braucht die Piratenpartei einen neuen Namen?

Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist vorüber, alle Parteien haben eine Nacht über das Ergebnis geschlafen und beginnen nun mit der Aufarbeitung. Die erreichten 1,5% der Piraten sind selbstverständlich kein Grund zum Jubeln – aber vor dem Hintergrund, dass derzeit Griechenland und die Euro-Stabilität die vorherrschenden Themen in den Köpfen der Nation sind, ist das nachzuvollziehen. Wenn es den Bürgern an die finanzielle Sicherheit geht, sind Inhalte wie Datenschutz, Freiheit und Bildung Nebensache. Aber auch die Tatsache, dass Medien wenig über uns berichteten, Pressemitteilungen ignorierten, spielt eine Rolle.

Reaktionen auf das Wahlergebnis geistern selbstverständlich nun durch alle piratigen Blogs und Twitter-Accounts, von zu wenig Präsenz im Wahlkampf ist die Rede, von übereilten Programmerweiterungen – und nun flammt auch wieder die Diskussion um den Parteinamen wieder auf. Im Carta-Blog fordert Wolfgang Michal eine Umbenennung in “Digitale Demokratische Partei” (DDP). Dieses Thema verspricht, wieder eine langwierige Diskussion nach sich zu ziehen, denn ob der polarisierenden Wirkung des Namens “Piratenpartei” ist sich wohl so ziemlich jeder bewusst. Ich persönlich benötigte auch etwas Zeit, mich mit dieser exotischen Bezeichnung anfreunden zu können – weniger, weil mir der Name nicht gefällt, sondern eher, weil ich mir als Marketingmensch der Außenwirkung bewusst bin. Für junge Leute mag “Pirat” nach Freiheit klingen, nach Aufbruch, Rebellentum und Antikonformismus. All diejenigen, die Filme wie “Fluch der Karibik” lieben oder “Monkey Island” durchgespielt haben, sehen in dem Begriff etwas Positives, den Drang nach Unabhängigkeit und Abenteuer.
Die Kehrseite der Medaille sind jedoch zumeist die älteren Mitbürger, jene potentiellen Wähler, die wir – im Gegensatz zu den Jüngeren – noch nicht durch unsere Aktionen an uns binden können. Piraten sind für sie Gesetzlose, Verbrecher, Gewalttäter. Das Bild der brutalen Schiffsentführer vor den Küsten Afrikas – alle paar Wochen in den Nachrichten präsent – vor Augen, schreckt sie der Name ab, bevor sie unser Programm und unsere Ziele kennen. Wenige Tage vor der NRW-Wahl geisterte solch ein Piratenüberfall übrigens wieder durch die Schlagzeilen. Doch gerade auch die älteren Wählerschichten müssen wir miterreichen!

Sollen wir dafür nun unseren Namen ändern? Schwierige Frage, auch für mich. Noch vor einem Jahr, als die Partei noch “klein” war, hätte ich mich sofort für “Ja” ausgesprochen. Doch mittlerweile ist einiges anders – Piratenparteien gründeten sich in vielen Ländern der Erde, ebenso die Pirate Party International. Im Zuge der internationalen Zugehörigkeit ist es sinnvoll, auch namentlich in dem Verband zu bleiben.

Dennoch bleibt ein gewisses Handicap durch unseren Namen, das müssen auch die größten Piraten-Fans zugeben. Wie können wir dies ausgleichen? Hier sind vor allem diejenigen in der Pflicht, die uns bereits in Parlamenten vertreten – sei es Christian Engström der schwedischen Schwesterpartei im EU-Parlament, oder auch die Stadträte in Aachen und Münster. Sie müssen beweisen, dass Piraten konstruktiv mitarbeiten können, piratische Politik medienwirksam nach außen tragen. Mithelfen, die Konnotation der Piratenpartei ins Positive zu wandeln, können wir aber auch alle. Auf Twitter bin ich auf die Reaktion “Weniger flamen – mehr machen!” gestoßen. Volle Zustimmung! Wahlveranstaltungen anderer Parteien stören, wie noch bei der vergangenen Bundestagswahl geschehen, sollte nicht mehr geschehen. Dies unterstreicht bei vielen Bürgern nur das ohnehin schon vorhandene Image der nicht ernstzunehmenden Spaßpartei. Destruktivismus steht uns ohnehin nicht gut zu Gesicht. Viel mehr sollten wir uns unserer Kreativität bewusst sein, die wir in unseren Reihen definitiv haben – und daraus konstruktive Sacharbeit basteln! Im Übrigen meiner Meinung nach auch eine sinnvolle Erweiterung unseres Programms über die Kernthemen hinaus – nach piratigen Grundsätzen selbstverständlich. Damit können wir mehr Menschen ansprechen, besser argumentieren, uns interessanter machen – und den Namen Piratenpartei für eine neue, transparentere Politik positionieren. Genügend interessierte und engagierte Mitstreiter haben wir dafür. Lasst es uns angehen!

One thought on “Braucht die Piratenpartei einen neuen Namen?

  1. Erdrandbewohner

    Klar braucht die Piratenpartei einen neuen Namen. Aber das reicht nicht, sie braucht auch ein neues Auftreten. Und sie braucht eine neue Postitionierung. Das kann nur die politische Mitte sein. Angesichts der demographischen Entwicklung ist die Partei auch viel zu jung und spricht nicht den Durchschnitt der Bevölkerung an.

    Da hilft nur eines: Umbenennung in DDP, Anzug- und Krawattenpflicht bzw. “seriöses” Auftreten für die Funktionsträger der Partei, eine gewählte Politik-Sprache, bedingungsloser Koalitions- und Machtwille und die Hinwendung zu Wirtschafts- und Familienthemen. Darüber hinaus braucht die “neue” DDP eine Führungspersönlichkeit, die die DDP nach außen repräsentiert und nach innen führt. Die Basisdemokratie der Partei muß zugunsten eines effektiveren Delegiertensystems zurückgeschnitten werden. Nerds sind ja in Ordnung, aber gepflegt müssen sie sein. Sakko statt T-Shirts, die Haare gestutzt und der Bart gepflegt!

    Nur dann haben die Piraten die Chance, vom Politikbetrieb anerkannt zu werden. Dies sind die Lehren, die sich aus der Geschichte der Grünen ergeben haben.

    So. Und jetzt schalte ich meinen Sarkasmusmodus wieder aus. 🙂

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