2015. Kein Weihnachtslied.

Seit 5 Jahren teile ich jedes Jahr zur Weihnachtszeit den Song “Weihnachtsmann vom Dach” der Toten Hosen. Diese Tradition soll darauf aufmerksam machen, dass wir unter Schnee, Glühweinduft und oftmals gespielter Harmonie nicht vergessen sollten, dass es Menschen gibt, die es auch in dieser kurzen Zeit des Jahres schwer haben, ihr Leben zu meistern.

Dieses Jahr werde ich das nicht tun.

Denn die Zeiten sind andere. In diesem Jahr, 2015, fühlte ich mich unangenehm um etwa 25 Jahre zurückversetzt. Anfang der 90er Jahre, als es brannte, Hoyerswerda, Solingen, Rostock-Lichtenhagen. Als die davor nur vor sich hin deutschtümelnde Stammtisch-Schicht plötzlich mit Molotov-Cocktails vor den Asylbewerberheimen stand, die Arme fleißig nach oben reckte und sich selbst zündelnd als Retter der vaterländischen Kultur feierte.

Der Unterschied zu heute? Die Brandstifter sind längst auch in den politischen Reihen angekommen. Prognostizierte 16% für die AfD in den neuen Bundesländern und Tausende Bajuwaren, die ihrem heiligen Messias Horst Seehofer an den Lippen hängen, das kotzt mich an. Dieses Wutpotenzial gegenüber Menschen, die Hilfe suchen, die schon einmal ihre gesamte Existenz aufgeben und von ganz vorne anfangen mussten. Doch wo ist die Wut des bunten Deutschlands? Maxim hat das schon ganz recht erkannt, als er auf der Suche nach eben dieser Wut der Anständigen konsterniert feststellen musste: “Ich weiß genau, diese Welt ist nicht fair – und das bedauer ich auch sehr. Aber wütend macht es mich schon lange nicht mehr.” Nur ein bisschen kollektive Ratlosigkeit fand er noch vor.

Die Ratlosigkeit äußert sich in gut gemeinten Lichterketten, Talkshow-Auftritten und Twitter-Hashtags. Doch die sind eben noch lange nicht genug. Und all diejenigen Helden unserer Tage, die ehrenamtlich Zeit, Kraft und Geld in die Flüchtlingsarbeit stecken, sind doch in ihrer Gesamtheit nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dankend angenommen von der Politik, denn jeder kümmernde Bürger bedeutet in ihren Augen weniger Ausgaben in professionelle Hilfe und eine geringere Notwendigkeit, sich zu kümmern. Denn aus dem Rollstuhl blickt die strenge Mimik der heiligen deutschen schwarzen Null – bitte ja keine Gefährdung der Haushaltskonsolidierung durch Einlassung auf sowas wie Menschenwürde.

Denn während die Einen wie eben einst in den 90ern unter Gejohle wieder Angst und Schrecken verbreiten, verlieren sich diejenigen, deren hochbezahlter Job es wäre, Lösungen zu entwickeln, im Klein-Klein der Begrifflichkeiten und wählerbedienenden Ressentiments. Und merken selbst nicht, dass sie genau damit die Mauern aufbauen, die sie eigentlich einreißen sollten.

Aber dies ist eben das Land, in dem man nicht versteht, dass fremd kein Wort für feindlich ist. Diese Erkenntnis ist auch aus den 90er Jahren – und sie stammt von den Toten Hosen. Und genau wie damals passt dieses Lied auch heute wieder auf die Situation in unserer Gesellschaft. Umso mehr habe ich mich gefreut, als Campino & Co. in der gestrigen Folge der “Anstalt” uns dies noch einmal in Erinnerung gerufen haben. Es ist wichtig! Daher möchte ich statt “Weihnachtsmann vom Dach” heute “Willkommen in Deutschland” teilen.

Wer darin einen Aufruf erkennt, der sei herzlich eingeladen, etwas zu tun! Alle anderen dürfen wieder zurück vor den Kamin zu Glühwein und gespielter Harmonie. Immer noch besser als mit Fackel und Baseballschläger vors Asylbewerberheim.








Teaser-Bild: “Refugees” by Haeferl (CC BY-SA 3.0)