Zum Thema “religiöse Beschneidung”

 

Eigentlich ist doch alles klar:

 

“Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.” 

(Art. 2, Abs. 2, Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland)

 

“Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.”

(Art. 136, Abs. 1 der Deutschen Verfassung von 1919, gemäß Art. 140 des Grundgesetzes heute noch gültig)

 

“Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung (…) gezwungen werden.”

(Art. 136, Abs. 2 der Deutschen Verfassung von 1919, gemäß Art. 140 des Grundgesetzes heute noch gültig)

 

Unter der Betrachtung dieser eindeutigen Gesetzesquellen würde ich nun mal gerne wissen, wie die deutsche Politik die aktuelle Beschneidungs-Regelung rechtfertigt. Gemäß jener dürfen jüdische und muslimische Jungen von fachkundigem Personal aus religiösen Gründen beschnitten werden. Dies stellt jedoch einen irreversiblen Eingriff dar und ist daher klar als Körperverletzung zu werten! Da die Beschneidung bereits kurz nach der Geburt durchgeführt wird, besteht für den Betroffenen keine Möglichkeit zum Widerspruch. Somit verstößt das Beschneidungsgesetz sowohl gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, wie auch gegen das Recht der Religionsfreiheit.

Doch sobald jemand – unter welcher Begründung auch immer – die Riten der Religionen in Frage stellt, bricht der große Sturm los. Dann ist die Rede von Intoleranz, oder wie im jüdischen Fall gar von Antisemitismus. (Ich bin gespannt, wieviele empörte Kommentare ich nur für diesen Satz erhalte.) Denn das Prinzip der Religionsfreiheit gemäß Grundgesetz ist für die Religionsgemeinschaften nur so lange von Interesse, wie es ihnen selbst Vorteile verschafft. Steht es ihnen im Wege, wird mit dem Hinweis auf jahrtausendealte Traditionen und einer Menge Lobbyarbeit, Einfluß auf die Politik genommen. Und das mit Erfolg, ist doch die aktuelle Staatsführung selbst äußerst religiös geprägt. Und so gibt es Ausnahmeregelungen und Sonderrechte frei nach Gusto – und das, obwohl Staat und Kirche eigentlich getrennt sein sollten.

Daher zeigt sich auch in dieser Debatte einmal wieder: Deutschland braucht meiner Ansicht nach endlich eine laizistische Verfassung, die Staat und Kirche klar trennt – unter Beibehaltung der Religionsfreiheit. Und dann natürlich eine Politik, die diese auch umsetzt. Erst dann ist garantiert, dass staatliches Handeln keinem kirchlichen Einfluss mehr unterliegt – und die Menschenrechte endlich für alle gelten. Auch für Kinder, die diese noch nicht selbst verteidigen können.

 

(Karikatur: Jacques Tilly)