Von einer Party und ihrem traurigen Ende

So hatte sich wohl kaum jemand die Love Parade in Duisburg vorgestellt. Nachdem bis zum Nachmittag die weltgrößte Technoparty fast reibungslos vonstatten ging, kam es gegen 17 Uhr zum tragischen Zwischenfall. Die genauen Umstände der Massenpanik, die sich im und um den Tunnel der Karl-Lehr-Straße in Duisburg abgespielt haben, werden wohl noch zu klären sein. Fakt ist aber wohl, dass die Sicherheitsvorkehrungen und die Planung im Allgemeinen fatale Schwachstellen hatten. Schwachstellen, die man wohl als “grob fahrlässig” bezeichnen konnte. Das Gelände für nichtmal die Hälfte der erwarteten Raver geeignet. Und natürlich der größte Fehler: annähernd 1,4 Millionen Menschen durch einen engen Tunnel als einzigen Zugang auf das alte Güterbahnhofsgelände schleusen zu wollen. Die Hintergründe dafür sind ebensowenig bekannt, wie nachvollziehbar. Wollte man den Besucherstrom gezielt kontrollieren? Das generelle Konzept einer “stationären” Love Parade auf einem geschlossenen Gelände, das Duisburg erstmals einsetzte war für diese Art der Veranstaltung denkbar ungeeignet und kostete im Endeffekt 19 Menschen (Stand: 25. Juli) das Leben.

Die Verantwortlichen weisen derweil jegliche Schuld von sich und schieben diese auf Festivalbesucher, die der beklemmenden Enge entfliehen wollten und versuchten, über kleine Treppen am Rand des Tunnels aus der Menschenmasse zu entkommen. Augenzeugen berichten unterdessen von angsteinflößenden Szenen. Man bekam keine Luft mehr, Menschen kollabierten und wurden einfach liegen gelassen.

” Panik entsteht. Menschen versuchen sich den Weg nach draußen frei zu kämpfen, wer hinfällt wird überrannt und hat keine Chance mehr.”  (Zitat eines Augenzeugen)

Die Hilfsdienste unterdessen selbst machtlos. Die Eingänge zu dem Tunnel durch die Massen verbarrikadiert, da die Polizei wohl trotz der Überfüllung weiter Besucher auf das Festivalgelände gelassen hat. Trotz, dass einige Raver die Polizei noch vor der entstehenden Situation warnten. Und dann geschieht das Unvermeidliche, das Schockierendste:

„Das hab ich noch nie erlebt. Da lagen 25 Leute auf einem Haufen. Ich hab geschrien, die Leute haben keine Luft mehr bekommen. Ich hab Tote gesehen, da saß einer, der war ganz blass, dem wollte ich Wasser geben. Aber der Sanitäter hat zu mir gesagt, das hat keinen Zweck mehr, der ist tot. Die Polizei stand auf der Brücke und hat nichts gemacht”  (Kevin Krausgartner, Besucher)

Erst einige Zeit später kommen die Rettungsdienste an die panischen Menschen heran, können 15 Raver nur noch tot bergen, weitere 4 sterben im Lauf des Abends an ihren Verletzungen. Kurz danach erscheinen bereits erste Meldungen über die Tragödie auf Twitter, die Polizei bestätigt die Nachricht und die Tagesschau veröffentlicht eine Eilmeldung. Erste besorgte Angehörige von Besuchern versuchen, diese über Handy zu erreichen, das Netz bricht zusammen. Währenddessen entscheiden die Veranstalter, die Love Parade weiterlaufen zu lassen, aus Angst vor einer weiteren Massenpanik. Daraus entsteht die bizarre aber einzig richtige Situation, dass auf der einen Seite des Geländes getanzt und gefeiert wird, auf der anderen zahllose Rettungswägen und -helikopter Tote und Verletzte aus dem Tunnel ziehen. Viele der feiernden Raver erfahren erst viel später von dem Zwischenfall, als sich das Handynetz wieder einigermaßen stabilisiert.

Und wie wurde danach damit umgegangen? Die offizielle Website der Love Parade zeigte sich zunächst ungerührt und sendete sogar noch mehr als 3 Stunden ihre Livestreams von der Veranstaltung. Professioneller dagegen der übertragende Fernsehsender WDR, welche sofort das Partygeschehen ausblendeten und zur Krisenberichtserstattung übergingen. Den Vogel abgeschossen hatte dagegen die Bild-Zeitung, welche provokativ auf ihrer Website fragte, warum die Love Parade nicht sofort abgebrochen werde – und in ihrer Bildergalerie ganz scham- und pietätslos zahlreiche Fotos der Leichen zeigte. Woraufhin sich auf Twitter ein Sturm der Entrüstung entfachte (berechtigterweise!), mehrere User riefen zur Meldung an den Presserat auf. Twitter selbst war übrigens wohl eine der Informatiosquellen Nr. 1 zum Love Parade – Unglück. Vorbildlich wurden auch von Unbeteiligten wichtige Informationen, Suchmeldungen und Telefonnummern weiterverbreitet. Beschämend nur manche User, die sinngemäß twitterten, sie wollten trotz des Unglücks gefälligst wieder Partybilder auf den Kanälen sehen.

Der Duisburger Hauptbahnhof unterdessen gesperrt, da orientierungslose Besucher versuchten, über die Gleise vom Festgelände wegzukommen, die Bahn ließ leere Züge wegfahren. Laut eines Beobachters “kriegsähnliche Zustände” am Bahnhof. Erst einige Zeit später wurden wieder Bahnen zur Verfügung gestellt – mit unfreundlichem Personal, die Menschen, welche aufgrund des Gedränges und der Situation kein Ticket lösen konnten und nur noch weg wollten, Strafe zahlen ließen oder ganz des Zuges verwiesen.

Also alles in allem ein riesiges Versagen von Seiten der Organisation, der Sicherheit und der Infrastruktur – und dabei hatte ein Ortsansässiger noch zwei Tage vorher Folgendes in einem Forum gepostet:

„Sehe ich das richtig, dass die versuchen, eine Million Menschen über die einspurige (!) TUNNELSTRASSE (!) Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch zwei kleinen Trampelpfaden hoch zum Veranstaltungsgelände zu führen? Also, in meinen Augen ist das ‘ne Falle. Das kann doch nie und nimmer gut gehen (…) Ich sehe schon Tote, wenn nach der Abschlusskundgebung alle auf einmal über diese mickrige Straße das Gelände verlassen wollen.“

Die Vorhersage wurde leider bittere Wahrheit.

Der Tunnel kurz vor der Massenpanik

Der Tunnel kurz vor der Massenpanik

Das Protokoll der Katastrophe auf welt.de