Tradition in Deutschland – oder: Die ewig Gestrigen

Nach einer sehr aufgeheizten Diskussion gestern mal ein paar Gedanken zur sogenannten Tradition in Deutschland. Sollte mein Blogpost an der ein oder anderen Stelle etwas polemisch werden, bitte ich dies zu entschuldigen. ;-)

Innenminister Hans-Peter Friedrich hat die Diskussion mit seinen Äußerungen wieder aufs Neue angestoßen. Der Islam gehöre so nicht zu Deutschland. Unser Land hätte christlich-jüdische Traditionen. Und schon stehen wieder alle Erzkonservativen dieses Landes auf und brüllen “Recht hat er!”. Dieses Land hat eben Wurzeln und Traditionen, diese gehörten beibehalten, sie seien wichtig und unerlässlich für unsere nationale Identität. Und jeder, egal welcher Weltanschauung oder Religion jeder Einzelne angehört – in Deutschland hat er sich gefälligst an diese Tradition zu halten. Und so haben wir auch heute noch ein Feierverbot an manchen christlichen Feiertagen, obwohl die wirklich gläubigen Christen inzwischen wohl in der Minderheit sein dürften. Wir halten an der unsäglichen Verbindung zwischen Staat und Kirche fest und stellen andere Ansichten damit per se auf eine niedrigere Stufe. Und beklagen uns gleichzeitig über mangelnden Integrationswillen anderer. Wir brauchen offensichtlich eine feste Linie, an der wir uns orientieren und wollen auf keinen Fall von ihr abweichen. Ja nichts Neues ausprobieren, ja keine anderen Einflüsse zulassen, ja keine uralten Denkweisen hinterfragen. Die eigene Identität steht auf dem Spiel.

Beliebte Argumente hierbei: “Woanders dürfen wir auch keine Kirchen aufstellen.”, “Jeder muss sich eben an die Gesellschaft anpassen, in der er lebt”. Dabei liegen wir in der Türkei nur mit Shorts bekleidet am Strand und hängen unseren behaarten Bierbauch in die Luft – und regen uns hier über die Shishastube nebenan auf. Was soll denn dieser Quatsch? Wir passieren eine von Menschen gezogene Landesgrenze und dürfen nicht mehr wir selbst sein? Müssen wir in Zukunft groß angelegte Migrationsaktionen durchführen, weil jeder in den Staat ziehen muss, der seiner Lebensweise am nächsten steht? Ein Gottesstaat, ein Staat der Atheisten, ein Staat der Sozialisten, ein Staat der Homosexuellen, ein Staat der Gothics? Alles homogen und bloß  keine äußeren Einflüsse.

Wer mich kennt, der weiß, wie kritisch ich zur Religion stehe. Aber jeder soll das verdammte Recht haben, seinen Glauben, seine Ansichten zu leben. Das gehört für mich zur persönlichen Freiheit des Menschen. Einzige Einschränkung: Andere dürfen dadurch nicht gegen ihren Willen beeinträchtigt werden. Die Freiheit des Menschen endet da, wo die Freiheit des Anderen beginnt. Und doch schränken wir mit unserem Geheule nach der deutschen Tradition all diejenigen ein, die ihre Wurzeln oder ihre Ausrichtung woanders sehen. Weltoffenheit Fehlanzeige. Selbst Menschen, die zur Fußball-WM 2006 noch das weltoffene Deutschland propagierten und die Welt “zu Gast bei Freunden” einluden, schreien nun wieder wie sehr Deutschland “verwässert” wird. Das konservative Deutschland will immer noch eine christliche Bastion sein, ein Bollwerk von Zucht und Ordnung. Alles, was anders ist, wie das Gewohnte, will man nicht haben. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Dabei tut es ab und an recht gut, sich zu fragen, ob manches noch zeitgemäß ist und gegebenenfalls einen Modernisierungsprozess einzuleiten. Wer nur rückwärtsgewandt ist, lernt nichts dazu. Durch Offenheit und Beschäftigung mit anderen Kulturen und Lebensweisen erhält man neue Blickwinkel und frische Ideen entstehen. Und nur davon kann Deutschland profitieren. Es ist richtig: Wir brauchen in Deutschland keine Parallelgesellschaften. Aber was wir gut brauchen können, ist ein produktives Miteinander der Kulturen – und damit einen Aufbruch in eine neue Zeit. Also zieht gefälligst den Stock aus eurem Hintern!