Switch Identity

Den folgenden Text veröffentlichte ich in etwas kürzerer Form bereits vor einigen Wochen im NEON-Forum. Er beschreibt Gedanken eines Menschen, der sich in der virtuellen Welt eher ausleben kann, besser verstanden fühlt. Hierzu hätte ich gerne mal ein paar Meinungen: Ist euch dieses Phänomen bekannt? Läuft die Gesellschaft 2.0 Gefahr, im “realen” Leben keine sozialen Bindungen mehr eingehen zu können? Werden “Freaks” in der Netzgemeinde eher anerkannt, wie draußen? Kommentiert dazu!


In diesem Augenblick, in dem ich die Tastatur-Schublade aus dem alten Schreibtisch ziehe, verlasse ich mein Hier und Jetzt und definiere mich neu. Mein weltliches Ich bleibt hinter mir und ich tauche ein in eine Welt, in der ich sein kann, wie ich will.

Und ich will jeden Tag anders sein. Eigenschaften besitzen, die mir mein physisches Ich nicht gestattet. Coolness, Schlagfertigkeit, Zielstrebigkeit. Ja, das will ich. Hier bin ich die Person, als die ich mich gern sehen würde. Schwirre durch die verschiedensten Welten, nehme wie ein Chamäleon ununterbrochen andere Identitäten an, fühle mich frei. Kann Dinge tun, Worte sagen, die sich die Person vor dem Bildschirm nie getrauen würde.

Es ist nicht so, als wäre ich der Klischee-Nerd, dem soziale Bindungen vollkommen fremd sind – im Gegenteil, ich besitze einen kleinen aber feinen Freundeskreis, mit dem ich auch “offline” super was unternehmen kann. Und doch meldet sich immer wieder diese Stimme in mir: “Spring über die Barrikaden, Junge!” Doch wer es sich heutzutage im echten Leben gestattet, Launen zu zeigen, anders zu sein, auch mal anzuecken, der wird irgendwann nicht mehr akzeptiert. Ja, das habe ich gelernt. Die Welt da drin, irgendwo in den Datenleitungen dieses Planeten scheint da anders zu sein. Hier sind diese Typen plötzlich die großen Helden. Es wimmelt gerade nur von Individuen, von Persönlichkeiten verschiedenster Natur, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Man kann ja plötzlich auch mit sich selbst spielen. Kann Kunstfiguren erschaffen. Das ist ein Reiz, der schon fast zur Sucht werden könnte. Doch insgeheim frage ich mich, wie vielen von ihnen wohl im Grunde nur genauso sind wie ich? Mehr, als man denkt, glaube ich. Allein schon deshalb ist es auch immer eine spannende Sache, Menschen zu treffen, die man bisher nur aus dem Netz kannte. Doch es stehen dann dennoch unter den Listen in Facebook & Co, die mit “Freunde” tituliert sind, mehr Leute, als ich da draußen meine Freunde nennen würde.

Ja, es ist definitiv einfacher, seine Schüchternheit abzulegen, wenn man unerkannt hinter einer Firewall sitzt, als wenn einem der Gegenüber direkt in die Augen blickt. Und manchmal möchte ich dann tatsächlich über meinen Schatten springen, mein virtuelle Identität downloaden und auf meinen Körper überspielen. Doch Moment – welche von meinen vielen?