Rücksicht auf die Diktatur

Dass es einen Aufschrei aus China geben würde, war von vornherein klar. US-Präsident Barack Obama empfing den Dalai Lama. Dabei wurde allerdings darauf geachtet, dass es offiziell als privates Treffen der beiden gelten solle. So empfing Obama das geistliche Oberhaupt der Tibeter nicht etwa im Oval Office, sondern im sogenannten “Kartenraum”, einem Teil der Privaträume. Auch Pressetermine gab es keine. Dies alles geschah allerdings nur aus einem Grund: um die chinesische Regierung nicht zu verärgern und die “angespannten” Beziehungen zwischen den USA und China nicht weiter zu belasten.

Dennoch kam die unvermeidliche Protestreaktion prompt und so zuverlässig wie eine Schweizer Taschenuhr. Die kommunistische Regierung Chinas forderte Obama, so wörtlich auf, “die anti-chinesischen Separatisten nicht zu dulden” – und bestellten den amerikanischen Botschafter in Peking ein.

Warum wird darauf eigentlich immer wieder Rücksicht genommen? Wenn China Regimekritiker unter fadenscheinigen Gründen verhaftet, wenn Demonstrationen brutal niedergeschlagen werden, wenn Grund- und Menschenrechte auf massive Weise beschnitten werden, klopfen die Politiker dieser Welt zwar Verurteilungssprüche, buckeln aber weiter. Selbst auf der letzten Frankfurter Buchmesse wurden auf Wunsch Chinas diverse kritische Autoren wieder ausgeladen. Als zwei von ihnen dennoch auftauchten, kam es zum Eklat, ein Großteil der chinesischen Delegation verließ den Raum – und die Veranstalter entschuldigten sich dafür sogar noch!!

Obama hingegen hätte ich etwas mehr Rückgrat zugetraut, Dinge beim Namen zu nennen und ein klares Signal in Richtung China zu setzen. Als Friedensnobelpreisträger ist er meines Erachtens nach sogar irgendwie dazu verpflichtet. Doch wenn selbst er nun Rücksicht auf die chinesische Diktatur mit ihrer Machtarroganz nimmt, wer ist dann dazu imstande, dieser entgegenzutreten? Wieder einmal zeigt sich: Wirtschaft scheint wichtiger zu sein, als Menschenrechte.