Locomore: Jugendherbergs-Flair auf Schienen

Als geneigter reisender Nerd versucht man ja immer, möglichst günstig und komfortabel durch die Lande zu kommen. Insbesondere, wenn es um meine Stammstrecke zwischen Berlin und Stuttgart geht. Bisher wechselten sich je nach Zeit und Angebot Flugzeug (Germanwings / Airberlin), Fernbus (Flixbus, früher auch Postbus) und Deutsche Bahn (Regio, selten auch ICE) ab. Im vergangenen Herbst tauchte dann die Ankündigung eines neuen Fernzuges namens Locomore auf, der zwischen der Bundeshauptstadt und dem schwäbischen Landeshauptstädtle verkehren sollte. Verlockend klang der Einsatz von klassischen ehemaligen Interregio-Wagen (ja, ich bin Bahn-Nostalgiker) – und das Angebot von Fairtrade-Kaffee und W-LAN an Bord. Im Dezember sollte der erste Zug rollen – wie passend, dass ich da mal wieder on tour war. Erlebnisse der Locomore-Fahrt am 28. Dezember 2016 von Stuttgart Hbf nach Berlin-Lichtenberg:

Locomore Zug im Hauptbahnhof Stuttgart

Grundschulmathematik à la Locomore

Die erste Verwirrung gab es bereits vor Abfahrt. Auf meinem Ticket war Gleis 11 ausgewiesen, tatsächlich fuhr der Zug jedoch zehn Minuten vor Planabfahrt auf Gleis 4 des Stuttgarter Hauptbahnhofes ein. Dies offensichtlich auch ordnungsgemäß, da an Gleis 4 die Wagenreihung des LOC1818 aushing. Dieselbige war jedoch dann reine Makulatur… die lustigen Locomore Menschen hatten sich die Wagenreihung 3, 4, 6, 9, 10, 5, 7 ausgedacht. Fast so schräg wie die Durchnummerierung von Windows Versionen – und irritierend für mich, da meine Reservierung den Wagen 8 auswies. Der halt einfach mal gar nicht da war.

Der Versuch, zunächst in den Wagen einzusteigen, der vor meiner Nase stand, gestaltete sich dann leider als ein Ding der Unmöglichkeit, da beide Türen defekt waren – so wie etwa jede dritte Tür dieses Zugs. Spannend auch, dass in den Wägen je nach Seite teils unterschiedliche Wagennummern auf den Aushangschildern standen.

Auf der Suche nach Wagen 8 entgegnete mir dann ein Zugbegleiter, dieser sei heute nicht da und nur in Form von zwei Abteilen in Wagen 7 vorhanden. Was mich etwas ärgerte, da ich eigentlich absichtlich einen Platz im Großraumabteil reserviert hatte. Nachdem ich mich dann doch einigermaßen eingerichtet hatte, konnte ich schon die ersten Flüche der ebenfalls ihre Plätze suchenden Mitreisenden genießen.

Abteil im Locomore Zug

Sauna mit Service

Eine der ersten Amtshandlungen am Platz war das Umstellen des Reglers für die Heizung… welcher wohl offensichtlich komplett ohne Funktion war. Dies führte dazu, dass bereits ab Vaihingen (Enz) tropische Temperaturen im Abteil herrschten. Doch der gewitzte Zugbegleiter hatte auch hier eine clevere Lösung parat: “Machen Sie einfach ab und zu mal kurz das Fenster auf – das geht bei diesen Wägen ja noch.”. Meine Mitreisenden quälte derweil die Frage, ob denn vielleicht nicht andere Passagiere unsere Ersatzplätze reserviert hätten. Die Ankündigung des Mitarbeiters, dass wir dann in diesem Falle wahrscheinlich umgesetzt würden, führte spontan zur prophylaktischen Blockadehaltung meines Sitznachbarn. Doch soweit sollte es nicht kommen – in Frankfurt wurden dann spontan alle Reservierungen für ungültig erklärt. Das ist mal Flexibilität.

Unterdessen schien Locomore ein leicht schlechtes Gewissen zu plagen – der freundliche Zugbegleiter erschien mit einem Tablett voller Kaffeebecher im Abteil, welcher uns kostenfrei angeboten wurde. Und tatsächlich: Fairtrade-Kaffee sowie Bio-Milch und -Schokolade. Das versöhnte dann erstmal ein bisschen.

Vivani Schokolade im Locomore Zug

Bunt gemischtes Wagenmaterial

Da saß ich dann also nun ziemlich gequetscht im vollen Abteil, was die Beinfreiheit deutlich minmierte – im Fernbus hat man hier mehr Platz. Trotz regelmäßigem Stoßlüften war mir immer noch gepflegt warm… dennoch versuchte ich, ein bisschen zu arbeiten. Das W-LAN funktionierte einwandfrei – allerdings, wie nach jedem Halt durchgegeben, nur in den Wägen 5 und 7. Gerade noch mal Glück gehabt. Eine Steckdose gab es leider nur an den beiden Gangplätzen des 6er-Abteils, Schlepptop laden fiel also flach. Und auch hier wurden wir belehrt, dass es in manchen der anderen Wägen wohl gar keine Steckdosen gäbe. Das Wagenmaterial war ein bunter Mischmasch aus altem DB InterRegio Design, dem Locomore-knallorange und einer mir bisher im Bahnbetrieb unbekannten Farbgebung (ein Kumpel meinte, es würde nach DDR-Reichsbahn-Speisewagen aussehen). Auf jeden Fall dementsprechend unterschiedlich waren dann wohl auch Ausstattung und technischer Zustand.

Unmodernisierter Locomore-Wagen

…aber man soll ja nicht nur meckern. Der Versuch eines Fazits.

Es gab dennoch auch durchaus positive Dinge an der Fahrt. Der Zug war zu jeder Zeit top pünktlich. Das Personal war größtenteils trotz der vielen technischen und organisatorischen Probleme bemüht, den Reisenden zu helfen. Das W-LAN war in meinem Wagen stabil. Auch der Service am Platz selbst für Reisende im Basis-Tarif ist eine gute Sache, ebenso wie das konsequente Angebot von Bio- bzw. Fairtrade Snacks und Getränken. Es sind Familienabteile und Kinderbereiche vorhanden. Der Fahrpreis liegt minimal über Fernbus-Niveau und ist damit deutlich günstiger als der Flug oder gar die Deutsche Bahn.

Spannend auch… als ich das Konzept las, dachte ich an eine Positionierung von Locomore als “Hipster-Zug”, der die Szene-Schwaben zwischen Berlin und Stuttgart hin- und herkarrt. Dafür sprachen Strecke, Fahrzeiten und Öko-Konzept. Das Publikum war altersmäßig jedoch tatsächlich erstaunlich durchmischt. Was sonst noch erstaunte war ein Zugbegleiter mit offensichtlicher Doppelfunktion – der nach der Zugabfertigung in den Bahnhöfen sich wieder in ein strategisches Telefonmeeting bei Locomore einschaltete. Und natürlich die zahlreichen Trainspotter, die an den Bahnhöfen fleißig Bilder vom Neuling auf der Schiene schossen.

Ein Fazit? Sicherlich muss man nach gerade mal 2 Wochen Betrieb eines komplett neuen Start-Up Eisenbahnunternehmens noch ein paar Dinge nachsehen. Dass noch nicht alles komplett rund läuft, ist in gewisser Weise verständlich. Nur leider ist die Fehlerquote noch deutlich zu hoch, insbesondere was die Reservierungen und die Zugzusammenstellung anging. Dies hat bei einigen Reisenden zu sehr hoher Frustration geführt, manche durften die Fahrt dann sogar auf dem Gang “genießen”. Aktuell strahlt der Zug noch das Flair einer Jugendherberge auf Schienen aus: Günstig, viel gut Gemeintes, viel Improvisation – aber auch noch viele Abstriche. Für die nächste Zeit ist für mich als Vielfahrer daher Locomore eher kein Thema… in einem halben Jahr, wenn sich der Betrieb eingependelt hat werde ich dem Start-Up sicher nochmal eine Chance und eine Neubewertung geben. Verdient hat es das Konzept allemal. Haut rein!