Im Knast sind die Türen offen

Im Rahmen der baden-württembergischen Woche der Justiz bot die berühmt-berüchtigte Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim für interessierte Bürger am 14. Juli 2010 einen Tag der offenen Tür an – allerdings nur für die Einwohner Stammheims und nach vorheriger Anmeldung. Allerdings wurde diese Tatsache von seiten der Justiz relativ schlecht kommuniziert und erst nach einem Hinweis des Stammheimer Blogs so wirklich bekannt.

Dessen Betreiber Carsten Münz erlebte seinerseits bereits im Jahr 2004 eine solche Führung und stellte seine Eindrücke auf dem Blog dar.

Wir selbst kamen heute kurz nach 10 Uhr an der JVA an, genau zum richtigen Zeitpunkt, wir konnten uns noch an eine kleinere Gruppe anhängen, deren Führung gerade begann. Zunächst mussten wir an der Pforte unsere Personalausweise abgeben, dann wurden wir gefragt, ob wir Handys mit uns führen, diese dürfen auch nicht mit nach innen genommen werden. Im Gegensatz zu “normalen” Besuchern, durften wir aber Schlüssel, Geldbeutel etc. behalten… normalerweise darf man im Inneren nur 2 Taschentücher mit sich führen. Danach ging es erstmal durch eine weitere, getrennte Sicherheitskontrolle, die sehr stark an die der Flughäfen erinnert. Nach der Durchsuchung und der Überprüfung mit dem Metalldetektor kamen wir dann endgültig in den “Innenbereich”. Dort wurden wir von einem Justizbeamten in Empfang genommen, der uns zunächst in einen Innenhof geleitete. Dort wurde uns zunächst etwas über die bevorstehenden Baumaßnahmen an der JVA erzählt – so werden weitere Neubauten am Rand des Geländes erstellt und danach die Hauptgebäude abgerissen und ersetzt. Dies soll bis etwa zum Jahr 2020 geschehen.

Als nächstes standen zwei Gefangenentransportwägen zur Ansicht bereit… in dem älteren von beiden, der allerdings immer noch in Betrieb ist, erinnerte die hölzerne Innenausstattung doch sehr an einen alten Eisenbahnwagen der 3. Klasse. Die Wägen sind nicht klimatisiert und die Gefangenen sitzen darin relativ eng – allerdings wird dieser Typ Transporter meist nur für die Fahrt zum Gericht etc. genutzt, also eher für Kurzstrecken. Größere Verlegungen erfolgen per Sammeltransport in einem umgebauten Reisebus.

Als nächste Station bekamen wir zwei Zellen zu sehen, eine Einzel- und eine Doppelzelle – wobei der Beamte darauf hinwies, dass diese frisch gereinigt seien. Während der regulären Benutzung durch Häftlinge würden diese sehr schnell verschmutzt und oftmals auch mit Pin-Up-Postern “dekoriert” werden. Die Einzelzelle war sehr karg eingerichtet, die Doppelzelle erinnerte vom Ambiente her irgendwie an ein Zimmer in einer billigen Jugendherberge. Jedoch war zumindest in jedem Raum ein Fernseher vorhanden – für dessen Benutzung die Inhaftierten allerdings zahlen müssen.

Weiter ging es dann in einen Arbeitsraum. Die rechtskräftig verurteilten Häftlinge müssen während ihres Aufenthalts arbeiten, für die Untersuchungshäftlinge ist es freiwillig. Neben den Tätigkeiten für die JVA selbst werden dort auch Auftragsarbeiten von und für Firmen und Privatpersonen ausgeführt. Beispielsweise wie im derzeitigen Fall das Verpacken von Simmerringen und ähnlichem für eine metallverarbeitende Firma.

Im großen Hauptgebäude (quasi das “Noch-Wahrzeichen”) der JVA bekamen wir nochmals weitere Zellen zu sehen, sowie den Veranstaltungsraum, in dem Gottesdienste, Lesungen, Turnieren oder Konzerte stattfinden. In diesem Teil nahm sich ein Beamter einige Minuten für uns Zeit um uns einige Fragen zu seinem Berufsalltag zu beantworten, beispielsweisem, ob man Mitleid mit Untersuchungshäftlingen bekommt, die beteuern, unschuldig zu sein. Er verwies darauf, dass man zwar nicht abgestumpft sein, solche Dinge aber nicht wirklich an sich heranlassen dürfe, da man sonst seinen Dienst nicht routiniert und professionell machen könne. Einzig auf die Frage, wie oft es Übergriffe gegenüber Beamten gebe, wollte er aus Sicherheitsgründen keine Angabe machen.

Weitergeführt wurden wir dann in die Besucherräume, von denen es mehrere Arten gibt: Einmal die “optischen” Räume, in denen der Häftling in einer Art “Abteil” mit seinem Besuch sitzt, ein Beamter überwacht das Treffen von außen. Dann etwas größere Zimmer, in denen der Beamte während des Besuchs im Raum präsent ist – und zum Schluss die berüchtigten Besucherzellen mit Trennwand. Diese, so wurde erklärt, werden dann benutzt, wenn schonmal versucht wurde, über den Gefangenen etwas hinein zu schmuggeln. Auch z.B. Jutiziare, die ein Gutachten über den Häftling erstellen müssen, wählen oft diese Zellen, da sie teilweise Repressalien fürchten, insbesondere nach einem negativen Gutachten.

Die letzte Station war der kleine Aufenthaltsbereich mit Süßigkeiten-, Tabak- und Getränkeautomaten, an denen die Insassen, die sich durch Arbeit etwas Geld verdienen, einkaufen können. Hier informierte uns eine Beamtin noch kurz über den Beruf des Justizvollzugsbeamten – bis wir danach, insgesamt etwa 90 Minuten nach Beginn der Führung, wieder in die Freiheit entlassen wurden. Im Gegensatz zu vielen anderen “Besuchern” der Anstalt.

Leider nicht zu sehen bekamen wir die ehemaligen Zellen der RAF-Insassen sowie die Spezialzellen für randalierende Gefangene. Auch Teile wie die Überwachungszentrale wurden – vermutlich aus Sicherheitsgründen – außen vor gelassen.

Dennoch war es ein interessanter Besuch – nach vielen Jahren, in denen ich das wuchtige Gebäude, das den Ruf Stammheims prägt, nur von außen kannte.