Ich und Stuttgart 21

Ich bin momentan in einer Minderheit. In einer vom Großteil des Stuttgarter Volkes gehassten Minderheit. Ich finde den neuen Bahnhof Stuttgart 21 gut. Ich finde die Idee, die dahintersteckt gut, mir gefällt die Architektur – ich denke, Stuttgart profitiert langfristig gesehen von dem Bahnhof. Ehrlich gesagt, konnte ich bisher weder den klobigen Seitenflügeln des Bonatzbaus etwas architektonisch Schönes, Bewahrenswertes abgewinnen, noch war ich ein ausgesprochener Fan des zugigen Kopfbahnhofs. Sicher, die Haupthalle des Bahnhofs und vor allem der Turm sind inzwischen Stuttgarter Wahrzeichen, aber diese sollen ja auch erhalten bleiben. Und schließlich, auch wenn es wenige nur wahrhaben wollen: Das Bahnhofsgebäude ist Eigentum der Deutschen Bahn, somit ist diese befugt, Veränderungen daran vorzunehmen. Man stelle sich den geneigten schwäbischen Häuslebesitzer vor, der seine vier Wände modernisieren möchte – und sich plötzlich großflächigen Anfeindungen entgegengesetzt sieht, weil seine Nachbarn das Bisherige um jeden Preis erhalten wollen.

Der Knackpunkt an dieser Stelle liegt wie so oft mal wieder im Denkmalschutz. Der gesamte Bonatzbau wurde unter den Schutz dessen gestellt -  und zwar nicht nur Haupthalle und Turm – sondern auch die beiden klobigen Klötze von Seitenflügeln. Ich befürworte den Denkmalschutz von wirklich schützenswerten Gebäuden – jedoch darf es nicht dahin ausarten, dass (wie es übrigens auch Privatleuten öfters geht) die Eigentümer größtenteils irgendwann nicht mehr selbst über ihre Gebäude entscheiden dürfen. Denkmalgeschützte Gebäude dürfen meiner Meinung nach nur in öffentlicher Hand sein ODER eben diese muss einen entsprechenden Ausgleich leisten.

Zurück zum Kernthema: Stuttgart 21 sehe ich als konsequente Berücksichtigung der Verkehrsströme in Baden-Württemberg und als enorme städtebauliche Chance für Stuttgart. Als vorwärtsgewandter Mensch bin ich heute schon darauf gespannt, wie das alles einmal aussehen wird. Sicher, die Bauzeit wird allen Bürgern viel abverlangen, aber ich denke, dass das Ergebnis im Ende allen nutzt. Und ja, auch ich bin der Meinung, dass die Pläne – vor allem in Punkto (Bau-)Sicherheit noch zeitgemäß angepasst gehören.

Soviel dazu, was ich gut finde – kommen wir zur Kehrseite der Medaille. So interessant ich das Projekt auch finde, so sehr verurteile ich den Umgang damit. Zum Einen das Geklüngel der Bahn mit dem Bundesverkehrsminister zur Erlangung von Sonderrechten, was die Tunnelsicherheit angeht, zum Anderen die intransparenten Finanzpläne. Bahn und Politik haben es verpasst, mit Stuttgart 21 Transparenz und Bürgernähe zu demonstrieren – und hier sehe ich den größten Fehler, der zu den massiven Protesten geführt hat. Die konsequente Einbeziehung der Stuttgarter hätte hier sicher wahre Wunder geholfen. Viel damit zu tun hat auch der Aspekt des Dialogs: Ich teile die Ansicht der S21-Gegner zwar nicht, aber ich respektiere sie und freue mich, dass diese Leute für ihre Ansicht Zeichen setzen. Dies ist ihr gutes Recht – und es zeugt nicht von gutem Stil, über dies hinwegzusehen. Ich hätte es gerne gesehen, wenn Gegner und Befürworter sich wirklich mal ein einen Tisch gesetzt und hätten und es zu einer öffentlichen Diskussion darüber gekommen wäre. Wir leben in einem demokratischen Staat, die Bürger haben eine Meinung und diese muss gehört werden. In diesem Sinne wäre ich ganz klar für eine Volksabstimmung über S21 gewesen. Diese wäre für die Bahn als Grundstückseigentümerin zwar sicher nicht bindend gewesen, aber fehlende Finanzzuschüsse von Bund und Land hätten bei einer entsprechenden Mehrheit evtl. das Projekt zum Kippen bringen können. Und ja – das hätte dann auch ich akzeptiert und respektiert!