10 Jahre 140 Zeichen – #HappyBirthdayTwitter

Einer meiner Haupt-Prokrastinationsmittel wird dieser Tage 10 Jahre alt. Dabei war das mit diesem Twitter und mir am Anfang so eher eine kritische Annäherung. Mit dieser minimalistischen, radikal auf wenige Zeichen reduzierten Mitteilungsart konnte ich einst eher wenig anfangen. Es war ein damals, anno 2008, ein Kollege, der beharrlich und begeistert versuchte, mir dieses Medium näherzubringen. Überhaupt, Twitter, das war damals, etwa 3 Jahre nach Launch, keine allgemein bekannte Informationsquelle, sondern eher ein Tummelplatz für Freaks und Geeks – diese sebsternannte Netzgemeinde. Ständiger Begleiter einst: Der “FailWhale”… das Symbol der zu Beginn omnipräsenten Serverüberlastung des Netzwerks.

Dennoch entschied ich mich dann auf sanften Druck, das dann doch mal zu versuchen. Zunächst auf englisch im Übrigen. Und mein allererster Tweet war damals noch banale Eigenwerbung für meine Website. Content-Strategie? Fehlanzeige. Aber die hab ich ja bis heute im privaten Twitterkanal nicht ;) . Die ersten Wochen dümpelte mein Kanal eher unbeachtet vor sich hin… bis zum Beginn meines Engagements in der Piratenpartei. Die meisten dieser Nerds, die einst auszogen um die Welt zu verändern, fanden sich auf Twitter. Und so vernetzte man sich auf Parteitagen und Veranstaltungen – und die Followerschaft wuchs. Spannenderweise wuchs sie auch, als ich versuchsweise Stefan Raabs Bundesvision Song Contest (#BuViSoCo) 2010 live mit-kommentierte. Das selbe wiederholte ich dann im polischen Bereich während diverser Landtags- und Bundestagswahlen sowie während der US-Wahlen 2013.

Allerdings litt Twitter zeitweilig bei mir auch unter massiver Zweckentfremdung. Ich vermute, dass Jack Dorsey & Co. dieses Ding nicht als Chat-Plattform konzipierten. Das wurde es jedoch irgendwann für sehr lange Zeit. Abendliche sarkastische (öffentliche) Plauderrunden mit @Laird_Dave, @MoppleTheWhale, @Trivalis, @Sritez und @s3sebastian waren die Regel. Aber vor allem waren sie unterhaltsam und spaßig. Wenn eben auch nicht im Sinne des Erfinders.

In den ersten paar Jahren privatem Gezwitscher lernte ich viel über dieses Medium. Aber auch Twitter lernte. Und die User lernten. Und Außenstehende lernten. Ich bekam nach und nach mit, wie man Twitter nicht nur als Mittel der Selbstdarstellung und humoristischer Gesprächsrunden nutzen konnte, sondern erkannte auch das Potential als Marketinginstrument. Ausprobiert wurde das Ganze ab 2010 mit meinem ersten Zweitkanal, der einst meinen T-Shirt Onlineshop promoten sollte. Die User lernten, dass man Twitter als schnelles und aktuelles Informationsmedium nutzen konnte. Und Außenstehende erkannten auch genau das – mit dem Effekt, dass Twitter im Lauf der Jahre gesellschaftsfähig wurde. Nachrichtenportale hatten plötzlich ihre eigenen Kanäle, Politiker und Prominente fingen an, sich in dem einstigen Geek-Netzwerk zu tummeln. Und so ist Twitter heute genauso Plattform für den Retweet-Rekordhalter Barack Obama wie für die CDU-Skandalnudel Erika Steinbach. Twitter ist auch längst zum Schlachtfeld geworden, wo (politische) Meinungen ungefiltert aufeinandertreffen. Und das zumeist ziemlich öffentlichkeitswirksam. Das hat irgendwann sogar das öffentlich-rechtliche Fernsehen blitzgemerkt – und fing an, Twitter als Second Screen Medium und Diskussionsplattform zu den eigenen polischen Sendungen zu nutzen. Man könnte sagen, Twitter hat das Prinzip “Second Screen” erst so wirklich populär gemacht.

Grundlage dafür war etwas, das man vorher so nicht wirklich kannte: Hashtags. Diese komischen Begriffe mit diesem Rautezeichen da vorne dran. Gedacht als Themenfilter und Suchhilfe. Und was hatten wir Spaß mit diesen Dingern. Wie stolz waren die Piraten wenn ihre Parteitage in den Trending Topics auftauchten. Und wie kreativ waren wir beim Erfinden völlig sinnfreier eigener Hashtags nur um der Gaudi willen. Was haben wir gelacht über #blumenkübel und unzählige Memes. Denn aller Professionalisierung zum Trotz: Twitter blieb auch immer eine Zentrale des geneigten Nerd-Humors. Und dafür liebe ich es bis heute.

A propos “heute”: Nachdem Twitter und ich also Freunde wurden und meine Followerschaft (warum auch immer :-D ) respektable Höhen erreichte, könnte man ruhig mal fragen, wie es weitergeht. Twitter hat sich über die Jahre optisch sehr verändert, hat versucht, dem Nicht-Nerd gefälliger zu erscheinen. Ob das gelungen oder sinnvoll ist, darüber streiten sich die Geister. Auf jeden Fall wurde es dadurch vielfältiger. Meine Timeline setzt sich inzwischen größtenteils aus Politik, Marketing, diversen Freunden und Bekannten sowie erwähntem Humorigen zusammen. Längst habe ich auch für mein Marketingbüro einen eigenen Kanal… wobei ich tatsächlich in den Kanälen streng zwischen Beruf und privatem Gezwitscher trenne. Ich verfolge also Neuigkeiten aus der Branche und aus den Nachrichten genauso wie das latente Mitteilungsbedürfnis interessanter Menschen. Und sind wir mal ehrlich: Twitter wurde einst nur durch den Selbstdarstellungsdrang mancher Leute getragen. Aber vor allem mag ich diese Durchmischung der Inhalte, die Vielfalt. Und die herrliche Diskussionsmöglichkeit. Daher sehe ich die immer mal wieder gerüchteweise durchsickernden Pläne, Twitter auch eine Art “Filter” zu verpassen, mit sehr großer Skepsis. Eine Art Facebook-Algorithmus würde in meinen Augen Twitter und sein Hauptmerkmal zerstören. Wer sortieren will, bedient sich der Listenfunktion.

Ich, für meinen Teil, würde gerne weiter prokrastinieren. Danke Twitter dafür. Eigentlich hätte ich dir ja gerne einen Geburtstagskuchen gebacken… aber ich muss jetzt erstmal Kaffee nachfüllen und schauen, was es in der Timeline Neues gibt.