Deutsche Bahn: Alle guten Vorsätze über Bord

Nachdem Bahn-Platzhirsch Hartmut Mehdorn seinen Sessel räumen musste, ging ein leichter Hoffnungsschimmer durch die Bahnfahrergemeinde: Würden die unsinnigen Pläne von Börsengang und weitreichender Expansion nun gestoppt und endlich mal das Kerngeschäft saniert? Mehdorn’s Nachfolger Rüdiger Grube schien zumindest den Handlungsbedarf zu erkennen. Im Februar 2010 gab er dem Manager Magazin zu Protokoll:

“Wir müssen und werden unser  Stammgeschäft in Ordnung bringen. [...] In unserem Brot- und Buttergeschäft hakt es an vielen Ecken.”

Nun, zwei Monate später wurde bekannt, dass die Bahn den britischen Verkehrsdienstleister Arriva übernehmen will – für 1,8 Mrd. Euro Kaufpreis plus 900 Millionen Euro Schulden. Über Sinn und Unsinn dieses Deals streiten sich die Experten: Arriva ist nicht ohne Grund verschuldet und in einem desaströsen Zustand: Unpünktlichkeit, Pannen, schlechter Service – und im Ausland aufgrund miserabler Arbeitsbedingungen oft bestreikt. Sarkasten mögen argumentieren, dies würde doch hervorragend ins bestehende Portfolio der Deutschen Bahn passen. Doch dass dieser mit der Übernahme tatsächlich der große Wurf gelingt, ist unwahrscheinlich – zumal damit gerechnet wird, dass die deutschen Tochtergesellschaften der Arriva veräußert werden müssen – aus kartellrechtlichen Gründen.

Und darunter, dass  die Bahn im europäischen Wettbewerb punkten und sich gegenüber Mitbewerbern wie z.B. der französischen Staatsbahn SNCF profilieren will, leidet mal wieder die Qualität hierzulande. Noch immer ist das Berliner S-Bahn Netz teilweise außer Betrieb, noch immer steht ein nicht unbeträchtlicher Teil der ICE-Flotte in den Wartungshallen. Rollmaterial sowie Schienennetz sind in einem katastrophalen Zustand, wie die derzeitige Häufung von Zwischenfällen im Zugverkehr wieder eindrücklich zeigt. Doch entgegen seinen eigenen Aussagen schlägt Bahnchef Grube diese Warnungen in den Wind. Und so werden weiterhin Langsamfahrstellen eingerichtet statt Gleise repariert und Wartungsfristen der Züge ausgedehnt. Bis zum nächsten großen Zugunglück ist es damit nur wieder eine Frage der Zeit. Und am Ende bleibt dann alles so wie immer:  der Kunde darf sich mit den Preiserhöhungen für weniger Leistung, Komfort und Sicherheit abfinden… denn Arriva war ja teuer.