Auf eine Tasse Tee mit den Gedanken.

Gerade auf Facebook gelesen: „Es stürmt und regnet in Berlin – der Sommer ist zurück!“. Da ist was Wahres dran. Graue Tage haben die unangenehme Angewohnheit, einen in träge Melancholie zu hüllen. Jene seltsame Stimmung, die zum zuviel Nachdenken verleitet. Da ich weiß, dass ich dagegen sowieso nichts machen kann, ergebe ich mich und organisiere mir erstmal einen heißen Earl Grey und etwas entsprechende Musik. Das macht die Wirren meines Hirns nicht unbedingt verständlicher – aber zumindest erträglicher.

Und zu grübeln gibt es aktuell definitiv genug: Mein Fortbildungskurs hier in Berlin ist rum, mit dem Endergebnis bin ich soweit zufrieden…. und nun? Dieses Jahr in der Hauptstadt brachte vieles – aber dann doch irgendwie keine Gewissheit.

Und just in diesem Augenblick schaltet sich das Herz ein. „Was ist denn mit mir?“, fragt es mich. Hast du vergessen, wie gut es mir in den letzten Wochen und Monaten ging? Wie wohl ich mich fühlte? Schafft das keine Gewissheit?“.  „Nein!“, erwidert das Gehirn, „das habe ich nicht vergessen. Aber von guten Gefühlen kann man leider nicht leben. Nicht mal, wenn man sich sicher ist, dort angekommen zu sein, wo man immer hin wollte.“.

Das ist der Augenblick, an dem sich das Herz schmollend zurückzieht, während sich Gehirn und Gewissen High Five abklatschen.  „Schaffe, spare, Häusle baue!“, rezitiert das Gewissen schwäbisch altklug.

Doch als mein Musikplayer plötzlich MIKROBOY spielt, springt das Herz wieder auf „Ha! Hört ihr das! ‚Solang der Mut den Zweifel schlägt‘ … das ist doch mal ne Ansage! Ich zitiere: ‚Auch wenn wir innerlich verbrennen – zu erhalten, zu erkennen. Zu begleiten und zu führen durch Licht und Schatten‘”. Kunstpause. „Das kann ich, das kann ich!“, ruft das Herz. „Und Gewissen, gerade du solltest bedenken, dass es mehr gibt als Geld.“. „Ach“, winkte jenes ab. „Ideale, Träume, Wünsche, Ziele. Alles überbewertet heute. Schau sie dir mal an – alle, die sich irgendwie selbst verwirklichen wollten, wo sind sie gelandet? Und all die, die es geschafft haben, hatten finanzkräftige Gönner, die ihnen den Hintern mit Geld gepudert haben. Und Mut zur absehbar erfolglosen Dummheit braucht doch keiner.“.

Und während sich Herz, Hirn und Gewissen über die wohl mit Abstand älteste Ursache aller Sinnkrisen streiten, beginnt irgendetwas vor meinen Augen zu verschwimmen. Das Licht geht aus – und als es wieder hell wird, stehen zwei Fernsehtürme vor mir. Lang, schmal und fast filigran der Stuttgarter – dickbäuchig und majestätisch der Berliner Lulatsch vom Alex. An den Füßen der Türme kleben Menschentrauben. Wohlgenährte Männer in Anzügen mit Aktenkoffern unter dem schwäbischen Turm. Man schweigt sich an. Kassen klingeln. Eine Putzfrau wischt durch. Biedermeiergeruch liegt in der Luft.

Vom Berliner Turm klingt Musik. Eine fröhlich plaudernde multikulturelle Bohème in Shirt und Jeans lebt den Moment. „Solange es zum Überleben reicht, ist alles paletti!“ erklärt mir jemand und reicht mir ein Schawarma. Verächtliches Naserümpfen unter dem anderen Turm.

Die diskutierenden Stimmen von vorhin beobachten das Treiben inzwischen nur schweigend. Doch nach und nach beginnt mich das Gehirn in die eine, das Herz in die andere Richtung zu ziehen. Einzig das Gewissen steht nun bedröppelt in der Mitte und kann sich nicht entscheiden. Kurz vor dem Zerreißen finde ich mich an meinem Schreibtisch wieder. Der Tee ist leer. Es hat aufgehört, zu regnen.

 

Don’t go and lose your face
at some stranger’s place
and don’t forget to breathe
and pay before you leave

(Placebo)

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