“Aber wir sind alt!” – Rentner in der Bahn.

Um eines gleich im Voraus festzustellen: Ich bin normalerweise einer der Letzten, der älteren Menschen oder Behinderten einen Sitzplatz in Bus und Bahn verweigert. Doch es gibt Ausnahmen. Begründete. Situationen, wie die am vergangenen Sonntag im ICE von Stuttgart nach Berlin sind mir in ähnlicher Form bereits öfters begegnet. Doch nie so dreist, wie diesmal.

Ich sitze im ICE auf meinem reservierten Sitzplatz und höre Musik. Der Zug ist so gut wie ausgelastet. Draußen fliegt die Landschaft vorbei, es dämmert langsam, ich denke nichts Böses. Bis zum Bahnhof Frankfurt/Main. Eine laut plappernde Reisegruppe an Rentnern stürmt den Wagen. Zwei Personen finden einen freien Sitzplatz, der Rest bleibt stehen. Ich höre weiter Musik und blättere in meiner Zeitung. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzt, spüre ich die ersten vorwurfsvollen Blicke auf meiner Person. Wohlwissend, was folgen wird, reagiere ich erstmal nicht. Und Bingo: knapp 3 Minuten später werde ich angetippt. Ich nehme meine Kopfhörer ab und frage höflich, wie ich helfen kann. Ob ich keinen Anstand hätte, hier seien ältere Leute, ich solle gefälligst meinen Platz freimachen, schallt es mir unflätig von einer resoluten Dame entgegen. Ich frage nach der Platzreservierung. Hätte sie nicht. Ich aber. Und 2,50 Euro dafür bezahlt, genau um zu vermeiden, dass ich auf den ca. 6 Stunden Fahrt stehen muss. Auf genau diese Tatsache weise ich sie hin.

Das würde keine Rolle spielen, ich wäre dazu verpflichtet, den Platz freizumachen. Ui. Das war mir neu. Mal abgesehen von den speziellen Behindertensitzplätzen gibt es meines Wissens keine rechtliche Grundlage, die dies regelt – höchstens eine moralische. Unterstützung in ihrer rechthaberischen Unwissenheit bekommt die Frau von den anderen Mitgliedern ihrer Reisegruppe. Meine erste Nachfrage, warum denn eine geschätzt 10-köpfige Gruppe an älteren Herrschaften nicht reserviert, wird damit beantwortet, dass sie dies vergessen hätten. Mööööp. Schlechte Ausrede. Bei jedem, aber auch wirklich jedem Verkaufsvorgang an Automat und Internet wird man bei der Buchung aufdringlichst(!) gefragt, ob man reservieren möchte. Genauso sind die Mitarbeiter am Schalter angewiesen, bei jedem Kunden nachzuhaken. Bringt der Bahn ja schließlich Geld. Mittlerweile folgen andere Mitreisende interessiert der Diskussion – darunter auch welche, die resigniert aufgestanden waren. Mein Kompromissangebot, mir die 2,50 Euro Reservierungsgebühr gegen den Sitzplatz zu erstatten, wird mit einem “Unverschämtheit!” quittiert.

Dankenswerterweise grätscht irgendwann ein Herr mit Schiebermütze aus der lustigen Gesellschaft in die Diskussion und offenbart mir die wahren Gründe. Wozu sie denn reservieren sollten? Sie seien ja schließlich alt und würden damit rechnen, dass höfliche Menschen ihnen ihre Plätze überlassen würden. Das Geld könnten sie sich sparen. Das wäre dann der Zeitpunkt, an dem nicht nur mir, sondern auch dem ein oder anderen Mitreisenden der Mund offen stehen bleibt. Jede weitere Diskussion halte ich für unnötig, ich setze meine (zum Glück recht ordentlich schalldichten) Kopfhörer wieder auf. Dabei bekomme ich noch mit, wie die Frau empört von dannen zieht und nach dem Schaffner suchen will, um sich zu beschweren. Dafür scheint sie rüstig genug zu sein, um durch mehrere Wägen zu ziehen.
Mich hätte interessiert, was sie zu hören bekam, denn irgendwann kommt sie noch angesäuerter zurück, würdigt mich keines Blickes, bespricht sich kurz mit ihrer Gruppe und zieht mit jenen, die keinen Platz bekamen, in den nächsten Wagen. Abgesehen von der üblichen bahntypischen Verspätung verläuft der Rest der Reise ruhig.

Spiel, Satz und Sieg.